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Spuren im Geist
 

Das Ziel von Siddhattha Gotama, dem historischen Buddha, war es, einen Weg zur Leidensfreiheit zu finden. Vor seinem Erwachen beschäftigte er sich intensiv mit den Entstehungsbedingungen des Leidens und gelangte so zur zwölfgliedrigen Entstehungskette des Leidens, dem Paticca-samuppāda. In der Nacht seines Erwachens sah er in tiefer Meditation die Richtigkeit dieser Kette, was seinen Geist endgültig befreite. Das Paticcasamuppāda besagt, dass es dies gibt, weil es jenes gibt, so wie es Licht und Wärme gibt, weil es eine Sonne gibt. Ohne das eine gäbe es das andere nicht. Da es zwölf Bedingungen für die Entstehung von Leid gibt, spricht man auch von der zwölfgliedrigen Entstehungskette. Betrachten wir nun die zwölf Bedingungen. Dies in der Hoffnung, Einsicht in die Entstehung des Leidens zu gewinnen, vor allem aber, um zu sehen, wie es vermieden werden kann.

Die Entstehung rückwärts

In dieser Betrachtung beginnen wir, wie Siddhattha Gotama damals, mit Zerfall und Vergehen (Alter und Tod) und betrachten die Bedingungen sozusagen rückwärts. Nachdem Siddhattha Gotama in seiner Untersuchung festgestellt hatte, dass Dukkha (Leid) mit Zerfall und Vergehen verbunden ist, stellte er sich die Frage, was die Bedingung für Zerfall und Vergehen ist, und kam zu dem Schluss, dass Zerfall und Vergehen vom Entstehen abhängen. Dann stellte er sich die Frage, was die Bedingung für das Entstehen ist, und erkannte, dass das Heranwachsen die Bedingung für das Entstehen ist. So wie ein Baby im Mutterleib heranwächst, bevor es geboren wird, so entwickeln sich Dinge und Ereignisse, bevor sie zutage treten.

Seine nächste Frage war: „Was sind die Bedingungen für das Heranwachsen?” Die Antwort lautete: „Die Bedingung dafür ist das Anhaften.” Der Geist klebt sozusagen an etwas fest. Der Grund dafür ist Verlangen bzw. das Haben-Wollen. Warum wollen wir etwas haben? Weil wir es mit einer angenehmen Empfindung in Verbindung bringen. Empfindungen entstehen durch Sinneswahrnehmungen (zu denen auch Gedanken gehören).

 

Bevor eine Empfindung entstehen kann, muss der Geist mit dem Objekt in Kontakt treten. Die Voraussetzung für eine Empfindung ist also der Kontakt. Voraussetzung für die Wahrnehmung sind die Sinnesorgane Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut sowie der denkende Geist. Sie alle sind Teil des Körpers. Die Bedingung für die Wahrnehmung ist also ein Körper und ein Geist, der die Wahrnehmung verarbeitet. 

Voraussetzung für die Entstehung von Körper und Geist ist das Bewusstsein. Bewusstsein entsteht durch Gestaltung. In der Entstehungskette ist mit Gestaltung die Willenstätigkeit in Form von Denken, Reden und Handeln gemeint. Durch unser Denken, Reden und Handeln wirken wir in dieser Welt, was bestimmte Folgen nach sich zieht. Wenn Denken, Reden und Handeln im Unheilsamen wurzeln, wird dies unheilsame Folgen haben, sprich: Leid. Unwissenheit bzw. das Nicht-Erkennen von Leid, seiner Ursache, seiner Auflösung und des Weges zur Auflösung sind die Wurzel und die Bedingung für die unheilsame Gestaltung. 

 


Die Entstehung vorwärts

Betrachten wir nun die bedingte Entstehungskette in ihrer Vorwärtsrichtung. Solange wir das Leiden und seine Ursache nicht erkannt haben, die Auflösung nicht verwirklicht ist und der Weg zur Auflösung noch nicht vollständig beschritten wurde, besteht Unwissenheit. Aus dieser Unwissenheit heraus entsteht die (unheilsame) Gestaltung. Durch diese Gestaltung entsteht Bewusstsein. Bedingt durch das Bewusstsein bilden sich Körper und Geist einschließlich der Sinnesgrundlagen, durch die wir die Dinge wahrnehmen können. Bedingt durch die Wahrnehmungen entsteht Kontakt mit den Dingen. Bedingt durch den Kontakt entstehen Empfindungen. Bedingt durch angenehme Empfindungen entsteht Verlangen. Bedingt durch Verlangen entsteht Anhaften. Aus diesem Anhaften entsteht Heranwachsen. Darauf folgt das Entstehen, darauf folgt Zerfall und Vergehen. Auf das Zerfall und Vergehen folgt Leid. 

 

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Die Verwandlung

Wenn der Geist befreit ist, hat sich Unwissenheit in Wissen darüber, wie die Dinge wirklich sind, verwandelt. In einem solchen Geist können unheilsame Gedanken, Worte und Taten nicht mehr entstehen – und somit treten auch ihre Folgen nicht mehr auf. Ein befreiter Geist ist frei von falschen Vorstellungen und Unterscheidungen. Das Bewusstsein hat sich von einem dualistischen zu einem nicht-dualistischen verwandelt. Dadurch erlebt er den Kontakt mit den Dingen ganz anders als ein Nicht-Befreiter. Und obwohl die Wahrnehmungen immer noch mit Empfindungen einhergehen, lösen diese Empfindungen kein Verlangen mehr aus. Da es kein Verlangen mehr gibt, gibt es auch kein Anhaften mehr. Da es kein Anhaften mehr gibt, kann im Geist auch nichts mehr heranwachsen. So gibt es kein Entstehen, Zerfall und Vergehen mehr – und damit auch kein Leid. Selbst das, was bereits entstanden ist, verursacht beim Zerfall und Vergehen kein Leiden mehr, da es keine Anhaftung mehr gibt.

Der Geist eines Befreiten kann mit einem Lotusblatt verglichen werden. Wie ein Wassertropfen von einem Lotusblatt abperlt, so entstehen und vergehen die Dinge in seinem Geist, ohne eine Spur zu hinterlassen. In vollkommenem Gleichmut verweilend, haftet er an nichts. Weil er an nichts haftet, ist er frei von Leid und erfährt vollkommenen Frieden.

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